Bei dem großen Mangel an gesunden Wildlingen und veredelten Hochstämmen, welcher in Folge der Frostverheerungen des Winters 1879—80 in unseren Baumschalen eingetreten ist, dürfte es sich sehr empfehlen, alle verschiedenen Methoden einer rationellen Heranzucht von Wildlingen und veredelten Hochstämmen zu veröffentlichen

Im Band 1 der 1881 erschienen Monatsschrift für Obst- und Gartenbau auf Seite 104ff steht geschrieben: 

"Bei dem großen Mangel an gesunden Wildlingen und veredelten Hochstämmen, welcher in Folge der Frostverheerungen des Winters 1879—80 in unseren Baumschalen eingetreten ist, dürfte es sich sehr empfehlen, alle verschiedenen Methoden einer rationellen Heranzucht von Wildlingen und veredelten Hochstämmen zu veröffentlichen. In dieser Hinsicht wollen wir daher unsere Leser mit einem Verfahren bekannt machen, nach welchem ein Herr Tourasse in Pan (im südwestlichen Frankreich, Departement der Niederpyrenäen) seine Hochstämme heranzieht, so daß sie, ohne Zwischenveredelung, binnen fünf Jahren eine Höhe von 5 Metern erreichen und, was beides amtlich konstatirt ist, schon im fünften, ja in Ausnahmefällen schon im vierten und dritten Jahre Früchte tragen.

Herr Tourasse wählt seine Samen (Kerne und Steine) aus den besten Obstarten und trägt Sorge, nur die auserlesensten Samen, d. h. von ganz vollkommenen, schönen und großen Früchten, zu nehmen, wo sich die ausgezeichnete Eigenschaft der Kerne schon an ihrer Farbe, Fülle und ihrem Umfange erkennen läßt. Er säet sie unmittelbar nachdem sie von der Frucht kamen, also zur Zeit ihrer natürlichen wie zu derjenigen ihrer Lagerreife, denn er befürchtet, falls er den Samen alt werden lasse, ein Zurückgehen seiner vorzüglichen Eigenschaften, namentlich aber der Keimkraft. (Dieses selbe Ergebniß würde man aber auch durch die Stratifikation, d. h. das schichtenweise Einlegen der Samen in Töpfe oder Kästen zwischen Sand und Erde erreichen.) Herr Tourasse, welcher allerdings zunächst nur die Heranzucht seines eigenen Bedarfs an Bäumen im Auge hat, sät dann die Kerne nicht in's freie Land, wie wir, sondern steckt sie in Töpfe, welche etwa 16 Centimeter im Durchmesser und in der Höhe haben und die mit einem Gemeng von guter Garten- mit etwas Laub­oder Mistbeet-Erde gefüllt und auf dem Boden mit einer 3 Centimeter dicken Kiesschichte bedeckt sind, welche zur Drainage der Töpfe dient. In jeden Topf steckt er, je nach der Größe der Samen, 10 bis 20 Kerne, so zwar, daß die dem Würzelchen entsprechende Spitze der Kerne nach unten

gerichtet ist. Rach dem Stecken der Kerne werden die Töpfe mit Gesträuch bedeckt und im Schatten am Fuße einer Mauer auf eine Leiste von Backsteinen oder Stein gesetzt, damit die Würmer nicht durch das Abzugsloch in den Topf gelangen können, und bleiben hier bis zum Frühjahr. (Dieses Verfahren und diese Vorkehrungen sind ganz weise und für die Kerne unserer Tafelsorten von Kernobst ganz geeignet; allein für Frühsorten von Kernobst und für das Steinobst dürfte es im Grunde doch etwas gewagt fein, die in Töpfe gelegten Samen fünf bis sechs Monate lang dem Frost und allem Ungemach der Witterung auszusetzen, und es wäre unseres Erachtens rathsamer, die Samen und Kerne schichtenweise in Sand oder Erde einzuschlagen und dann erst gegen Ausgang des Winters in Töpfe zu stecken.)

Die Pflege, welche Herr Tourasse seinen Sämlingen gibt, beschränkt sich auf wenige Operationen. Sobald seine Samen zu keimen beginnen, stellt er die Töpfe in die Sonne, begießt sie häufig und schützt sie vor den Spätfrösten und vor den Schnecken. Im Verlauf des April, etwas früher oder später, je nach dem mehr oder weniger frühen Frühjahr und je nach der Stärke des jungen Sämlings, kann dieser drei Blättchen außer den beiden Kotyledonen oder Samenlappen entwickelt haben. Ohne alsdann noch die Entwicklung des vierten Blattes abzuwarten, schreitet Herr Tourasse zum ersten Pikiren in folgender Weise: er hebt vorsichtig die jungen Sämlinge aus dem Topf kürzt ihnen mittelst einer sehr scharfen Scheere das Würzelchen etwa um ein Drittel und beinahe bis an den Ursprung der Seitenwürzelchen oder Wurzeltriebe, falls sich schon solche entwickelt haben, ein. Wenn sich das Würzelchen von selbst schon in zwei oder drei Pfahlwürzelchen getheilt hat, so kürzt er sic alle um einige Millimeter' ein, damit er hierdurch anstatt einer Pfahlwurzel eine so viel wie möglich getheilte Wurzel erziele. Hierauf verpflanzt Herr Tourasse jeden einzelnen Sämling in einen eigenen Topf von etwa 16 Centimeter Höhe und Durchmesser und in ein Gemeng von klarer guter Garten- und Mistbeet- oder Laub-Erde, belegt die Erde mit Geströhe, begießt u. s. w. (Herr Tourasse läßt, wie man sieht, seine Sämlinge nicht ein volles Jahr alt werden, ehe er sie pikirt, um die 

größtmögliche Wurzeltheiluug zu erzielen, sondern pikirt sic schon im Frühjahr. Da wir in Süddeutschland aber nicht das günstige und zeitige Frühjahr haben, wie er in Pan, so können wir sein Verfahren wenigstens im freien Lande nicht nachahmen, weil hier unsere gelegten Samen wohl kaum vor Mitte Mai's aufgchen würden. Wären wir aber im Stande, unsere Samentöpfe in ein Gewächshaus, einen Holländerkasten, ein Treibbeet oder einen gewöhnlichen Mistbeetkasten zu stellen, so würden wir unsere jungen Sämlinge um einige Wochen früher erhalten und könnten dann von Ende Mai's an uns ganz nach seinem Vorfahren richten.)

Nach Verlauf von etwa sechs Wochen (also ungefähr zu Anfang Juni's), wenn die jungen Bäumchen 10 bis IS Centimeter hoch sind, unterwirft Herr Tonrasse sie einem zweiten Pikiren, und zwar diesmal in der Baumschule. Hier sind die Beete dafür schon umgegraben und gedüngt, und nun pflanzt er die jungen Bäumchen reihen­weise, und zwar in allscitigen Entfernungen von 40 Centimeter, und jedes Bäumchen wird in das oben angegebene Erdgcmenge eingesetzt. Man hebt die Bäumchen mit dem Erdkloß aus und verpflanzt sie ebenfalls mit demselben, wodurch das Wachsthum nicht unterbrochen wird. Bei Gelegenheit dieses zweiten Pikirens schneidet man noch einmal ein Stück von der Pfahlwurzel ab, NKnn sie merklich in die Länge getrieben hat, und verkürzt auch die Haar- und Zaserwürzelcheu um einige Millimeter, um die Entwicklung der Wurzel in die Breite zu fördern. Diese Operation bietet keinerlei Schwierigkeit dar, denn in den meisten Fällen reichen Pfahlwurzel und Faserwürzelchcn um diese Zeit schon an die Innenwand des Topfes; wenn nicht, so muß man ein Wenig von dem Erdkloß abkratzen, sich aber wohl hüten, denselben zu zerbrechen. (Die beiden vorerwähnten Pikirungen gewähren den unbezahlbaren Vortheil, daß man in der Bildung eines wohlbeschaffenen Wurzelvermögens zwei Jahre gewinnt. Wir wiederholen jedoch: um in unserem Klima ein solches Resultat zu erzielen, wird man nothgedrungen die Sämlinge in den Monaten März, April, Mai, welche bei uns noch zu rauh sind, unter Glas halten müssen. Die Verpflanzung mit dem Erdkloß ist unerläßlich, wenn man nicht mindestens drei Wochen verlieren will, wie dies überhaupt bei jeder sorgfältigen Kultur unerläßlich ist.)

Um die Zeit des Laubabfalls, also Ende Oktobers des Sämlingsjahres, werden die jungen Bäumchen sorgfältig verpflanzt, d. h. ohne die Wurzeln abzureißen oder zu zerstören; es werden dabei Pfahlwurzel und Zaserwurzeln etwas eingekürzt, wie bei den vorangegangenen Pikirungen, und verpflanzt man sie definitiv in die Baumschule unter Beobachtung folgender Entfernungen: 1,30 in in der Reihe und 1,80 in von Reihe zu Reihe. Die Sämlinge haben dann eine mittlere Höhe von 1,30 m, bisweilen sogar von 2 in bis 2,60 in, wie man es auf Ausstellungen schon wahrgenommen hat. Diese in einem einzigen Jahre erzielte bedeutende Entwicklung veranlaßt zu der vorerwähnten Entfernung in den Reihen, und da die Bäumchen nun bis zu ihrem solcher, welche ihr Holz an den Spitzen nicht vollkommen ausgereift haben. Die Zweige werden nun um 10 bis 15 onr eingekürzt, bis dahin, wo sich die großen Augen befinden, welche außerdem zum Nachtheil der tiefer stehenden Augen den ganzen Saft absorbiren würden. Diese müssen sich ebenfalls zu Fruchtspiesen und Tragknospen entwickeln, was nur durch den eben angeführten Schnitt geschieht und das am Triebe stehengebliebene Endauge nicht hindern wird, jedes Jahr einen Trieb von mindestens 1 in Länge zu machen. Herr Tourasse bedient sich aber auch des Pincirens, denn wenn der Stammfortsatz ein zu kräftiges Wachsthum zeigt, so pincirt er ihn und zwingt ihn, vorzeitige Seitentriebe zu machen, welche nun ihrerseits pincirt werden. Durch Pincirung ihrer Endknospen verlangsamt er auch die Verlängerung der Seitentriebe und Nebenzweige und ist im Stande, auf diese Weise im Verlauf eines einzigen Jahres die Zahl der Zweige zu verdoppeln und zu verdreifachen. Dies ist vom Gesichtspunkt der Tragfähigkeit aus eine sehr wichtige Sache, denn die Bäume können als eben so viele Jahre alt angesehen werden, als sic aufeinander folgende und übereinander liegende Zweige und Verästelungen haben.

Man kann daher in aller Wahrheit sagen, daß das System des Herrn Tourasse dazu dient, die Kindheit des Baumes abzukürzen und ihn dadurch desto rascher das erwachsene Alter erreichen zu lassen, so daß man von ihm schon im Alter von fünf, vier und sogar drei Jahren Früchte erzielt, während dies bei dem gewöhnlichen Verfahren erst in zehn Jahren und mehr möglich ist. Jedenfalls wird es jeden praktischen Baumzüchter aber sehr interessieren, die Tourasse'sche Methode kennen zu lernen."